GRAMATNEUSIEDL KENNENLERNEN
Gramatneusiedl und Marienthal: Fabrik, Fischa, Forschung
Gramatneusiedl liegt im Bezirk Bruck an der Leitha an der Fischa. Die Marktgemeinde hat 3.643 Einwohner (Stand 1. Jänner 2026) und eine Fläche von 6,75 Quadratkilometern. Der Ortsteil Marienthal verbindet eine frühe Textilfabrik mit einer international bekannten soziologischen Studie.
Am Ufer der Fischa
Gramatneusiedl wird 1120 erstmals als „Gezenniusidelen“ in einer Urkunde genannt. Bis 1840 gehörte der Ort überwiegend dem Wiener Metropolitankapitel; im selben Jahr kauften die Bauern die Grundherrschaft um 60.000 Gulden und nannten die Gemeinde fortan „frei“. Kriege verwüsteten den Ort 1529, 1683 und 1704. Die Fischa und ihre Mühlen formten die Siedlung und wurden später zur Grundlage der Textilproduktion. 1751 ließ Ignaz Osmann die alte Ladenmühle erneuern; zwischen 1771 und 1774 entstand die Theresienmühle. Aus deren industrieller Nutzung entwickelte sich im 19. Jahrhundert der Fabrikstandort Marienthal.
Die Fabrikstadt Marienthal
1818 richtete Franz Xaver Wurm in der Theresienmühle eine Flachsspinnerei ein; 1823 ist dafür der Name „Marienthal“ belegt. Hermann Todesco kaufte die Fabrik 1832 und ließ an der Fischa einen neuen Komplex errichten. Die dreigeschossigen Gebäude gruppierten sich U-förmig um den Hof; ein Wasserrad lieferte Energie. Fabrikräume, Wohnräume für Beschäftigte und das herrschaftliche Wohnhaus lagen im selben Ensemble. Todesco richtete 1833 eine Fabrikschule für die Kinder der Arbeiterfamilien ein. 1844 kam eine Kinderbewahranstalt hinzu, die auch Kindern aus Gramatneusiedl, Moosbrunn und Ebergassing offenstand. 1929/30 wurde der Betrieb schrittweise eingestellt; die letzten Werkstätten schlossen laut Archiv im Februar 1930. Teile des ehemaligen Fabrikkomplexes wurden später als Arbeiterwohnungen genutzt.
Die Arbeitslosenstudie
Nach dem Ende der Textilproduktion untersuchten Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel die Folgen der Arbeitslosigkeit in Marienthal. Die Feldforschung begann in der ersten Novemberwoche 1931; einzelne Erhebungen liefen bis Mai 1932. Lotte Schenk-Danzinger lebte sechs Wochen vor Ort und leitete eine Winterhilfe, bei der gebrauchte Kleidung verteilt wurde. Das Team verband Befragungen mit Statistiken und Dokumenten; es nutzte Erhebungsbogen für Familien, Lebensgeschichten, Zeitverwendungsbögen und Inventare der Mahlzeiten. Insgesamt verbrachten die Forschenden laut dem virtuellen Archiv rund 120 Arbeitstage in Marienthal und sammelten etwa dreißig Kilogramm Dokumentationsmaterial. Das Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal“ erschien 1933. Das Museum vor Ort wurde auf Initiative des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich und in Kooperation mit der Gemeinde gegründet.
Bahnanschluss und Ortsleben
1846 eröffnete die Raaber Bahn ihre Station in Gramatneusiedl. Die Eisenbahn verknüpfte das Dorf mit der Strecke Wien–Bruck an der Leitha und unterstützte den Austausch zwischen Fabrikstandort und Umgebung. 1875 errichtete die Gemeinde eine neue Schule. Die Pfarre Gramatneusiedl wurde 1950 selbstständig, vier Jahre später erlangte der Ort wieder den Status einer selbstständigen Gemeinde. 1995 wurde Gramatneusiedl zur Marktgemeinde erhoben. Die Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde 1400 geweiht; 1405 ist der Pfarrdienst urkundlich verzeichnet.
Quellen und Belege
- STATISTIK AUSTRIA – Gemeindeverzeichnis 2026
- Gramatneusiedl – Wikipedia, feste Artikelversion · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Versionsgeschichte
- Marktgemeinde Gramatneusiedl – Ortsgeschichte
- Marktgemeinde Gramatneusiedl – Geschichte der Textilfabrik Marienthal
- Marktgemeinde Gramatneusiedl – Museum Marienthal
- Universität Wien – Arbeitslose und Opinion Leader
- Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich – Die Marienthal-Studie
Stand der Angaben: 08.10.2026
