KALTENLEUTGEBEN KENNENLERNEN
Kaltenleutgeben: Das Tal der Quellen und Kalköfen
Kaltenleutgeben liegt im engen Tal der Dürren Liesing am Rand des Wienerwalds. Quellen und Kalkvorkommen bestimmten früh die Erwerbswege; später entwickelte sich das Tal zum Kaltwasser-Kurort. Die Marktgemeinde zählt 3.304 Einwohner (Stand 1. Jänner 2026) und umfasst 17,51 km².
Ein Tal zwischen Wald und Kalk
Die Dürre Liesing wurde bereits 1002 als Grenzbezeichnung erwähnt; 1345 ist eine Mühle „beim Schranpern“ belegt. Steinbrüche im Tal erscheinen 1439 in den Aufzeichnungen. Der Ortsname ist 1521 zunächst als „Khalt Leutgebin“ für eine Gegend überliefert. 1572 zählte das Waldamt 28 Häuser; erst 1601 steht „Khaltenleuthgeben“ als Ortsname.
Kirche am Kirchenfelsen
Eine Kapelle ist für 1624 bezeugt. Das heutige Gotteshaus entstand nach einem Gelübde des Baumeisters Jakob Oeckhl; der Bau wurde 1729 begonnen und 1732 vollendet. Die Kirche steht auf einem Felsvorsprung am Fuß des Gaisbergs. Eine zweiläufige Stiege führt von der Ortsmitte hinauf und umfasst eine ältere Brunnenanlage in Kapellenform. Das Gnadenbild der Schwarzen Muttergottes kam zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den Ort und schmückt den Hochaltar. Die Pfarre wurde 1783 erhoben.
Kaltwasserkuren und Professorenvilla
Schon im Biedermeier bestanden zwei Badeanstalten, die das Quellwasser medizinisch nutzten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Sommerfrischeort von ungefähr 500 auf mehr als 2.000 Einwohner. Wilhelm Winternitz gründete 1865 seine Kaltwasser-Kuranstalt; seine Familie wohnte von 1889 bis 1917 in der nach ihm benannten Professorenvilla an der Hauptstraße. Der Arzt lehrte Hydrotherapie an der Universität Wien und wurde 1881 außerordentlicher, 1899 ordentlicher Professor. 1910 ging die Wasserheilanstalt in eine Aktiengesellschaft über. Der Kurort zog Sommergäste an, während Kalkbrennen, Steinbrechen und Holzarbeit ältere Erwerbszweige blieben.
Steinbrüche, Zement und Bahn
Die Kalkindustrie erhielt im 19. und 20. Jahrhundert eine neue Größenordnung. Die Perlmooser-Zementfabrik baute Kalkstein in drei großen Brüchen im Umfeld ab; Feldbahnen bewegten das Material, eine Seilbahn verband Steinbrüche und Werk. Die Kaltenleutgebener Bahn diente dem Gütertransport zur Südbahn; der planmäßige Personenverkehr endete 1951. Bedarfspersonenzüge waren noch möglich, bevor auch sie 1957 eingestellt wurden. Das Gleis über Waldmühle hinaus nach Kaltenleutgeben wurde 1959 abgetragen. Die Zementproduktion endete Mitte der 1990er-Jahre. Güterverkehr zum Werk wurde 2012 eingestellt; die Anlagen wurden ab 2012/13 weitgehend abgetragen.
Waldwege und Erinnerungsorte
Die Eiswiese am Rathausweg ist Ausgangspunkt mehrerer von der Gemeinde zusammengestellter Routen. Eine davon führt über die Rebekka-Quelle, die einst die Kuranstalt Winternitz versorgte, und weiter um den Großen Flösselberg. Dort sind Reste der früheren Werkseilbahn beschrieben, die Gestein vom Eisgraben zum Zementwerk Waldmühle transportierte. Die Dreifaltigkeitssäule trägt die Jahreszahl 1663; 1895 erhielt sie ihren heutigen Standort am Dreifaltigkeitsplatz. Ein Gedenkstein auf der Predigtstuhlwiese erinnert an zwei 1934 erschossene Fahnenträger. Ein weiterer Rundweg führt über Kaisersteig, Gaisbergwiese, Seewiese und Kugelwiese zur Wiener Hütte; zurück geht es über die Karlsquelle. Die Gemeinde veranschlagt dafür rund drei Stunden.
Quellen und Belege
- STATISTIK AUSTRIA – Gemeindeverzeichnis 2026
- Kaltenleutgeben – Wikipedia, feste Artikelversion · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Versionsgeschichte
- Kaltenleutgeben von damals bis heute
- Chronik von Kaltenleutgeben
- Wandern mit dem Waldläufer
- Professorenvilla – Gedenktafel
- Folge 8 – Der Personenzugsverkehr wird eingestellt
- Wandern in Kaltenleutgeben
Stand der Angaben: 09.10.2026
