GÜNSELSDORF KENNENLERNEN
Günselsdorf: An der alten Straße nach Süden
Die Marktgemeinde Günselsdorf liegt im Wiener Becken östlich von Leobersdorf. Auf 6,62 Quadratkilometern leben 1.744 Menschen (Stand 1. Jänner 2026). Die Triesting fließt durch das Gemeindegebiet; rund 500 Hektar werden landwirtschaftlich genutzt. Eine kleine Weinbaufläche ergänzt das offene Kulturland.
Poststation an der Triesterstraße
Die Lage an der Verbindung von Wien nach Süden gab dem Ort früh eine Funktion als Rastplatz. Eine Poststation zum Wechsel der Pferde ist bis 1847 belegt; um 1830 sollen ihre Stallungen bis zu 70 Pferde aufgenommen haben. 1740 ließ Kaiser Karl VI. die heutige B17 als Poststraße ausbauen, die über den Semmering bis Triest führte. Das teilweise erhaltene, denkmalgeschützte Gebäude der früheren Station wurde später zeitweise als Spiritusbrennerei genutzt und ist als „Brennerei“ bekannt. Bis 1848 bestand bei der heutigen Kreuzung von B17 und B18 eine Mautstelle.
Wasserkanal und Baumwollspinnerei
Die Industrialisierung setzte in Günselsdorf früh ein. A. Giradoni errichtete von 1846 bis 1848 eine Baumwollspinnerei und erwarb dafür 1845 das Areal einer älteren Getreidemühle samt Wasserrechten. Ein Werkskanal wurde 1846 angelegt. 1851 ging das Werk an Theodor Dumba über; mehrere Eigentümerwechsel folgten. Die Fabrik stellte den Betrieb 1972 ein. Seit 1977 nutzt die Firma Feller das Gebäude für Kabel und Zubehör. Die örtliche Chronik nennt auch die Alte Mühle, die 1749 erbaut und 1960 abgetragen wurde.
Kirche und Löwentor
Eine eigene Kapelle ist für Günselsdorf 1530 belegt; ihr genauer Standort ist nicht bekannt. 1683 wurde sie zerstört. Joseph II. ordnete 1783 die Erhebung zur Pfarre an, und 1784 entstand die heutige Pfarrkirche zum heiligen Georg. Ein anderes markantes Bauwerk ist das Löwentor: Baron Peter von Braun ließ es 1812 von einem italienischen Künstler entwerfen, während ein ungarischer Künstler das schmiedeeiserne Tor in Budapest fertigte. Die Chronik verbindet die Kirche außerdem mit der früheren Schulgeschichte. 1783 ist eine Schule mit Lehrerwohnung nachgewiesen, 1821 wurde ein neues Schulhaus gebaut und 1872 entstand ein zweiklassiges Volksschulgebäude gegenüber der Kirche.
Vom Dorf zur Marktgemeinde
Der Name Günselsdorf wird auf einen Grundherren namens Guntzo oder Gunci zurückgeführt. Im Saalbuch des Stifts Klosterneuburg erscheint 1130 die Form „Guncinesdorf“. Die Gemeindechronik beschreibt den älteren Dorfcharakter als fränkisch geprägte Straße mit Höfen; wiederholte Kriege, Seuchen und Naturereignisse ließen einzelne Siedlungsbereiche veröden und den Ortskern wandern. Zwischen 1971 und 1973 wurde die Großgemeinde Steinfelden gebildet, zu der Günselsdorf gehörte. Mit ihrer Auflösung 1988 wurde Günselsdorf wieder selbständig. Der SC Günselsdorf besteht seit 1911 und erreichte 1962/63 die Regionalliga Ost. 1938 verzeichnete das Adressbuch unter anderem fünf Gastwirte, neun Gemischtwarenhändler, zwei Webereien, ein Kino und mehrere Handwerksbetriebe. Der Ort wurde 1925 elektrifiziert; 1929 erhielt er einen Telefonanschluss.
Quellen und Belege
Stand der Angaben: 08.10.2026
